Leerstehende Ladenlokale entlang der Ruhr sind für mich kleine Schatzkisten: hohe Fenster, Raum für Experimente und die Chance, Nachbarschaften kulturell aufzuwerten. Ein Mini-Residenzprogramm für bildende Künstlerinnen und Künstler ist eine wunderbare Möglichkeit, diese Räume temporär mit Leben zu füllen—und zugleich lokale Kultur sichtbar zu machen. In diesem Beitrag teile ich meine praktische Anleitung, wie du in fünf Schritten so ein Programm aufbaust, getestet in lokalen Projekten und Gesprächen mit Kreativen vor Ort.
Standort finden und Eigentümer*innen gewinnen
Der Schlüssel sind geeignete Räume und die Bereitschaft der Besitzer*innen, kurzfristig zu vermieten oder unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Ich beginne immer mit einem Spaziergang durch die Viertel, fotografiere leere Schaufenster und recherchiere im Grundbuchamt oder kommunalen Leerstandslisten.
- Persönliche Ansprache: Eigentümer*innen reagieren besser auf konkrete, kurze Konzepte als auf lange E-Mails. Ich lade sie auf einen Kaffee ein, bringe ein One-Pager mit (A4, 1 Seite) und zeige Beispiele früherer Projekte.
- Vertragsform: Für ein Mini-Residenzprogramm reicht oft ein befristeter Untermietvertrag von 1–3 Monaten oder ein Nutzungsvertrag für „Zwischennutzung“. Ich empfehle, rechtliche Aspekte mit einer lokalen Rechtsberatung oder dem Kulturamt zu klären.
- Versicherung: Kläre Haftungsfragen: Betriebshaftpflicht und eine Inhaltsversicherung für Kunstwerke sind sinnvoll. Manchmal lässt sich das über die Künstlersozialkasse oder lokale Förderprogramme absichern.
Programm strukturieren: Ziel, Dauer, Auswahlkriterien
Bevor du anfängst, definiere klare Ziele: Möchtest du lokale Künstler stärken, studentische Positionen zeigen oder internationale Gäste einladen? Ich habe gute Erfahrungen mit zwei Zielen kombiniert: Förderung junger Künstlerinnen und Einbindung der Nachbarschaft.
- Dauer: Mini-Residencies von 2–6 Wochen sind ideal—genug Zeit für ein Werk, kurz genug für flexible Raumplanung.
- Artist Call: Erstelle ein klares Bewerbungsformular mit Arbeitsproben, Projektidee (max. 300 Wörter), technischem Bedarf und Verfügbarkeit. Tools wie Google Forms oder Typeform erleichtern die Erfassung.
- Auswahl: Ein kleines Gremium aus 3–4 Personen (eine Kuratorin, ein lokaler Künstler, eine Nachbarschaftsvertretung, du selbst) sorgt für Diversität bei der Auswahl.
Raum vorbereiten und technische Infrastruktur
Ich bereite den Laden so vor, dass Künstler*innen sofort arbeiten können. Saubere Wände, funktionierender Strom und Basiswerkzeug sind oft die wichtigsten Dinge.
- Grundausstattung: Strippen und Verlängerungskabel, Galerieschienen oder -haken, mobiles Licht (z. B. LED-Baustrahler von Philips oder günstige Varianten von Bosch), Klappstühle, kleiner Arbeitstisch.
- Materialbudget: Lege ein kleines Materialbudget pro Residency fest (z. B. 200–500 €). Das lässt sich über Mikrostipendien oder lokale Sponsorings (Bauunternehmen, Baumärkte wie OBI) decken.
- Digitales: WLAN, ein Tablet oder Laptop für digitale Arbeiten, sowie eine simple Website- oder Instagram-Seite für das laufende Projekt. Canva nutze ich oft für schnelle Plakate und Social-Posts.
Vernetzung, Kommunikation und Veranstaltungsformate
Das Programm lebt von Sichtbarkeit. Ich plane deshalb gleich zu Beginn Kommunikationsmaßnahmen und Formate, die Öffentlichkeit und Nachbarschaft einladen.
- Eröffnung & Open Studio: Ein erstes kleines Opening (Getränke, Kurzführungen) funktioniert gut, ebenso regelmäßige Open-Studio-Termine an Wochenenden.
- Workshops & Talks: Kurze Workshops für Kinder, Nachbarschaftsgespräche oder Artist Talks schaffen Zugänge. Für Workshops kannst du Materialien teilweise aus dem Materialbudget finanzieren oder Sponsoren anfragen.
- Promotionskanäle: Nutze Instagram, Facebook, lokale Gruppen auf Nextdoor oder Regionalzeitungen. Ich verschicke außerdem einen kleinen Newsletter an lokale Kulturakteure und nutze Plakate/Handzettel in umliegenden Cafés.
- Kooperationen: Schulen, VHS, Stadtteilzentren und lokale Museen sind großartige Partner für Vermittlungsangebote.
Evaluation, Dokumentation und Nachhaltigkeit
Nach jeder Residency sammle ich Feedback und dokumentiere die Arbeiten. Das hilft bei Förderanträgen und beim Aufbau einer längerfristigen Struktur.
- Feedback: Kurzes Online-Formular für Besucher*innen, ein Abschlussgespräch mit den Künstler*innen und ein internes Team-Review sind Standard bei mir.
- Dokumentation: Gute Fotos (ich nutze oft meine eigene Kamera), eine kurze Textdokumentation und Videos für Social Media sind wichtig. Erwäge eine kleine gedruckte Broschüre oder ein Fanzine als Souvenir.
- Follow-up: Halte Kontakt zu den Teilnehmenden, biete gegebenenfalls Vernetzungsunterstützung und dokumentiere Erfolge (Ausstellungen, Verkäufe, Förderungen).
Zur besseren Übersicht habe ich eine einfache Budget- und Zeitplanungstabelle erstellt, die du an deine Bedingungen anpassen kannst:
| Posten | Geschätzte Kosten | Hinweise |
|---|---|---|
| Raummiete (befristet) | 0–600 € / Monat | Manchmal unentgeltlich oder gegen Instandhaltung |
| Materialbudget / Stipendium | 200–500 € / Residency | Für Farben, Papier, Transport |
| Technik & Ausstattung | 100–400 € (einmalig) | Licht, Galerieschienen, Werkzeuge |
| Kommunikation & Druck | 50–200 € / Monat | Flyer, Social Ads, Fotos |
| Versicherung & Recht | 100–300 € / Projekt | Haftpflicht, ggf. Beratung |
Ein praktischer Zeitplan für eine 6‑wöchige Residency könnte so aussehen: Woche 1 Raumvorbereitung und Aufbau, Woche 2–4 Produktion und offene Ateliers, Woche 5 Ausstellung/Präsentation, Woche 6 Abbau und Evaluation. Flexibilität ist wichtig—manchmal verschiebt sich alles aufgrund von Materiallieferungen oder Wetter.
Was mir immer wieder auffällt: Der größte Gewinn ist nicht die perfekte Ausstellung, sondern die Begegnungen—zwischen Künstler*innen, Nachbar*innen und Besucher*innen. Ein kleines Residenzprogramm kann also mehr sein als Kunstproduktion: Es kann einen Ort verändern. Wenn du möchtest, schicke mir gern deinen Projektplan oder Fragen per Kontaktformular; ich schaue mir das gerne an und gebe konkretes Feedback.